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W. Fasser
Der kleine Luca sitzt neben Dusty am Boden und lässt sich von ihm seine Hände
behutsam ablecken. Er schaut ganz gespannt auf die lange Zunge des Hundes.
Gebannt bleibt er ruhig und zeigt mir mit einer Berührung an, dass ich Dusty's
Maul öffnen soll. Ich nehme achtsam seinen "Fang", öffne ihn und Dusty lässt
sich ohne weiteres ins Maul schauen. Grosse Zähne sind zu sehen, die Zunge und
die Lefzen. Interessiert schaut Luca hinein und amüsiert sich. "Was es doch
nicht alles gibt!" Wir lachen und Dusty klopft dazu mit dem Schwanz auf den
Boden. Der 4-jährige muntere Knabe klatscht dazu in seine Hände. So beginnen
zur Zeit unsere gemeinsamen Musiktherapiestunden. Luca kann noch nicht
sprechen, ist überaktiv und konnte sich bis vor Kurzem nur ganz wenige
Augenblicke auf etwas konzentrieren. Seit er Dusty hier im
Musiktherapie-Atelier kennen lernte, hat sich seine Unruhe verändert Das
initiale Spielen mit unzähligen Gegenständen, sich herumwerfen und wild durch
alle Räume springen, ohne sich auf uns einzulassen, machte Platz dem
interessierten Spiel mit uns. In diesem Klima können wir nun gemeinsam und
spielerisch die Welt der Klänge, des Körpers und der Instrumente entdecken. Die
Wahrnehmung des Mund-/Rachenraumes ist grundlegend für die kindliche
Sprachentwicklung. So ist nun, via Dusty, Luca's Aufmerksamkeit auf den Mund
gestossen. In lustigen Spielen erkunden wir das "Sprechwerkzeug". Was wir bei
Dusty so gross sahen, findet er nun bei sich, der Mutter und auch bei mir.
Dieses "Aha-Erlebnis" führte zum Durchbruch seiner eigenen Stimme. Aus der
präverbalen Welt tauchen nun die ersten Worte auf: Mama, Babo, Wau Wau, Nonno
etc. Unser brauner, so gemütlicher und immer fröhlicher Labradorfreund Dusty
strahlt viel Ruhe und Seinqualität aus. Diese ist ansteckend. So kann sich nun
auch Luca etwas verweilen und seine angespannte hohe Stimme senkt sich in die
tieferen Bereiche: Sprechen wird dadurch jetzt möglich. Während der freien
Improvisationen als Partnerspiel, liegt Dusty ruhend unter dem Klangbett und
hört der Felltrommel und dem Gong zu. Wird es allzu lebendig, hebt er den Kopf
an und schaut was los ist. Immer wieder nähert sich der liebenswürdige Knabe
und berührt meine Lippen. Ebenso mache ich es auf den seinen und wische ihm mit
dem Schnupftuch den Speichel ab. Er wird lernen, auch dies zu kontrollieren,
wenn er "Herr" seines Mundes wird. Die Stunden enden mit einer herzlichen
Umarmung und sich auf den Rücken des Hundes legen. Ciao Dusty, Ciao Luca!
In meinem Alltag als Musiktherapeut und Physiotherapeut leistet mein treuer
Freund seit 6 Jahren hervorragende Dienste. Für Gross und Klein ist er eine
Freude. Oft ist er ruhiger Zuschauer, manchmal auch Protagonist des Geschehens.
Vielfach erlebte ich, dass er Brücken schlug und Kontakte schaffte, die in
direkter Form nicht möglich waren. Was erkennen die Menschen in diesem Hund?
Freude, Treue, das Gute, Ruhe und Stille, Trost und Verständnis, Weisheit, das
Heile im Leben, einen immerwährenden Freund und vieles ohne Wortumschreibung.
Da war ein kleiner, ebenfalls 4-jähriger farbiger Knabe, der versuchte zu
verstehen, warum er eine andere Hautfarbe hat als seine weisshäutige, allein
erziehende Mutter. Eines Tages als er entzückt vor dem gleichfarbenen Labrador
Dusty stand und mich anschaute, schien er etwas endgültig zu verstehen. So sagt
er, mit dem Finger auf mich zeigend: "Du bist weiss aber Dusty bist ebenfalls
braun wie ich!" Er war nun zufrieden, es gab also Gleiches auf dieser Welt. So
bedeutet die Begegnung für jeden etwas anderes und wird ab und zu zum Schlüssel
für den nächsten Schritt in seiner Entwicklung.
Wie oft hörte ich beim Spazieren gehen, meist ältere Menschen sagen: "Die Tiere
sind meine treusten Freunde. Sie verstehen mich wirklich!" Die Begegnung mit
Peppino liess mich dies aus der Nähe erleben. Der 8-jährige Knabe leidet an
schweren psychischen Störungen, ist ganz zurückgezogen, spricht nur in starken
Leidensmomenten und ist in seinem Handeln kaum verständlich. Das geprüfte Kind
benötigte einige Zeit, um sich an mich und die neue Situation im Atelier zu
gewöhnen. Meine Blindheit half ihm dabei. So konnte er ungesehen da sein und
"bloss" via Klänge und Geräusche mit mir in Kontakt treten. Einmal Vertrauen
gefasst, öffnete er die Türe zum Nebenzimmer, schaute sich um und ging dann auf
die Türe von Dusty's Raum zu. Er öffnete diese und Dusty stand schon wedelnd
da, um den kleinen Neugierigen zu begrüssen. Peppino sprang freudig hinter
mich, kletterte auf meinen Rücken und begrüsste den Hund aus sicherem Abstand:
"Ciao, wie geht es dir? Hast du geschlafen? Komm und sei mit uns, wir machen
Musik für dich!" Ich war mehr als verwundert und liess dem Geschehen seinen
Lauf. Es entstand eine Freundschaft zwischen den beiden und gemeinsam
verbringen wir nun die Therapiestunden. In vielen Wiederholungen durchleben wir
die langen Spitalmonate des Kindes. Dusty ist dabei der geduldige Patient.
Peppino "desinfiziert" mit wohlriechenden Kräutern den Pelz, setzt sorgfältigst
und mit sanftem Singsang beruhigend, die Stimmgabel an, welche die Spritze
darstellt. Dann lauscht er mit dem Hörrohr ab, ob alles in Ordnung gekommen ist
und spielt auf der Bambusflöte lange ruhige Töne. Dieses aufarbeitende
musiktherapeutische Rollenspiel schlägt Brücken zwischen uns im Hier und Jetzt
und seiner schmerzlichen Vergangenheit. Ein Fenster von geteilter Realität und
gemeinsamen Sprachverständnisses. Dusty ist Teil des zirkulären
Beziehungsgeschehens. Am Ende des Spieles steht auch er munter auf und leckt
liebend die Hände seines kleinen "Arztes".
So auch Marina. Als wir sie kennen lernten, konnte sie nicht Sehen und war
mehrfachbehindert und sprachlos. Das schweigende, gelähmte Kind traute sich
nicht, mit seinen Hände in die unsichtbare Welt zu greifen. Unbekanntes
bedrohte sie, ihre Lebenswelt war klein und oft beängstigend. Über die
Felltrommel fanden wir, Geräusche machend, Kontakt zueinander. Das Ziegenfell
lies sich kratzen, reiben und auch ein wenig greifen. Es tönte und da gab es
eine Antwort. Später kam auch meine Hand dazu. In kleinen Schritten wurde ihre
Lebenswelt grösser und so trat auch Dusty in ihr Leben. Sachte, ihre kleinen
Hände nähernd, begann Marina in sein Fell zu greifen. Dusty, brav wie ein Lamm,
lies alles mit sich geschehen. Das Begrüssen und Verabschieden des Hundes mit
bewunderndem Kraulen wurde zum festen Bestandteil der Therapiestunde - sowie
Auftakt und Schlusssatz eines Musikwerkes. Heute, 2 Jahre später, ist der
pelzige Freund treuster Zeuge eines erfreulichen Werdens des Mädchens. Sie
schaut ihn an, spricht zu ihm in einfachen Worten und will sich oft an seine
Seite legen.
Vor 2 Jahren waren wir zu Gast in einer Sonderschule. In einer Klasse mit 4
behinderten Kindern verbrachten wir eine Woche zusammen. Natürlich wählte die
Heilpädagogin den Hund zum Wochenthema. Eifrig beobachteten wir Dusty, gaben
ihm zu Essen und zu Trinken, kämmten und zeichneten ihn in vielen Variationen.
Er half im Unterricht mit, wo es nur ging. Die Kinder waren ganz engagiert und
beteiligten sich am Geschehen. Dusty hier und Dusty da. Zusammen unternahmen
wir vieles und der Hund war Zentrum des gemeinsamen Interesses. Zum Abschied
schenkten mir di Kinder eine grosse Zeichnung: Das Bild zeigt den liegenden
Hund und dicke goldene Sonnenstrahlen leuchten ihn an. Natürlich fehlte es
nicht an Abschiedsschmerz und es war ein Leichtes das Versprechen zu halten,
wir würden bald wieder zu Besuch kommen.
So hat Dusty schon viele Freunde kennen gelernt und sie ein Stück auf ihrem Weg
begleitet. Sein fröhliches und gutes Wesen leuchtet in ihnen nach und führt sie
in ihrer Lebenswelt.
Es stellt sich die Frage: "Wurde Dusty als Therapiehund erzogen?" Die Antwort
ist einfach: "Nein, er hat diese Situationen durch Teilnahme kennen gelernt,
vertraut sich uns an und ist von Natur aus ein guter Hund". Er ist ganz
zuverlässig, regelmässig, in seinen Reaktionen vorhersehbar, sorgsam zu Kindern
und tolerant gegenüber allerlei Berührungen und Klängen. Ist er nicht aufgelegt
zum Spiel, was sehr selten ist, zeigt er dies an, indem er aufsteht und sich
dann zusammengerollt in eine Ecke legt. Eine allzu verständliche Geste!!! Einem
jeden soll seine Ruhe gegönnt sein! Danke lieber Dusty.
Selbstverständlich gibt es auch Situationen, wo die Anwesenheit des Tieres
nicht angebracht ist. Manch eine Person hat zu grosse Angst, ist allergisch auf
Hundehaare, würde abgelenkt werden, oder könnte sich isolieren durch den
Kontakt mit dem Tier. In diesen Situationen wartet Dusty geduldig im
Nebenzimmer. Ich weiss es sicher: Eines Tages wird der Augenblick kommen, wo
auch er dazu gehört. Alle Beteiligten brauchen dabei nur Geduld zu üben und von
ihm, dem Geduldigsten, lernen wir es am besten. Dusty ist heute ein wichtiges
Mitglied im Atelier für improvisierte Musik „Il Trillo" und trägt bei zur
heilsamen Begegnung zwischen Gross und Klein.
Kontakt:
Wolfgang Fasser
via Quorle 31
I-52014 Poppi (AR)
Italia
tel.: + 39 0575 520 287
e-mail:
iltrillo@iltrillo.org
web:
www.iltrillo.org